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digital handmade by Virginia Binsch

Pâte de Verre, eine der ältesten Glasherstellungstechniken, basierend auf der Verarbeitung von Glaspulver, wurde mit parametrischen Gestaltungsmöglichkeiten und CAD-Technologien kombiniert. In Material-, Muster- und Oberflächenuntersuchungen wurden die visuellen und taktilen Grenzen der Wahrnehmung, Lesbarkeit und Reproduktions- genauigkeit beleuchtet. Zentrales Forschungsanliegen war es, die Möglichkeiten handwerklicher Glasherstellung mit denen digitaler Technologien zu verbinden und so neue Potentiale für ein altes Material aufzuzeigen. Im Folgenden wird diese Masterarbeit nuancierter detailliert.

Kann man mit Glaspulver 3D Drucken?

Von dieser Frage angetrieben wurde parallel zu namenhaften Firmen, welche zur Projektzeit die tech-nische Machbarkeit erforschten, der Werkstoff Glas innerhalb seiner vielfachen Bearbeitungstechniken und Materialitäten mit einer Vielzahl digitaler und analoger Technologien konfrontiert.

Welche Potentiale kulturell überliefertes Handwerk, neue Technologien, Digital Crafts und deren Verbind-ung hervorbringt, wurde in der Technik des Pâte de Verre in einer Forschungsreihe aus rund 100 Versuchsproben konkretisiert. Seit 3000 v. Chr. nutzt Pâte de Verre dieselben Materialien, die heute für den 3D Druck verwendet werden. Die Technik erzielt her-vorragende Abformungsgenauigkeiten und Material-qualitäten, die für Produktdesigner sehr spannend sind.

Handwerk meets Digital Crafts

Verwendete Techniken und Verfahren wurden unter dem Blickpunkt der Denk- und Herangehensweise betrachtet und wurden technokratisch auf das Funktionieren hin gerichtet eingesetzt. Handwerk und Digital Crafts waren somit gleichgestellt. Anstelle der fortwährenden korrekten Trennung und Klassifizie-rung von Design und Handwerk bestand die Wichtig-keit im fließendenden Austausch und adäquatem Einsatz aller Techniken „when best fit“. Transdisziplinär und -technologisch konnten sie so zu neue Beziehun-gen kommen und ungeahnte Potentiale frei setzten.

Parametrisierte CAD-Entwürfe changierten in einem Wechselspiel verschiedenster CAD-Programmen und Maschinen mit unterschiedlichen Programmierungs-einstellung, Werkzeugen, manuellen Abformungen und analogen Pâte de Verre Techniken. Auch Techniken des Slumping, Fusing und Coldworking flossen in den Prozess mit ein.

Suggerierter Su­pe­ri­o­ri­tät und Verlockungen digitaler Technologien stand die Wichtigkeit der eigenen händischen Erfahrung entgegen. Tacit knowledge, das nach Sennet in den Körper übergegangen Wissen durch praktische Erfahrung, die engaged material consciousness und der Dialog mit dem Material waren im gesamten Prozess von großer Bedeutung.

Der Gestalter als interdiziplinärer Akteur

In einer Arbeitssituation nach Prinzip des Studioglas war eine selbstständig Auseinandersetzung mit den Techniken möglich. Dieses Herangehen befähigt den Gestalter zu einem breiten Wissen, da es nötig ist, dass er alle Programme, Prozessschritte, Techniken und Parameter kennt. Dies verhilft ihm zu einem tiefen Verständnis aller Prozesse und Parameter und zur daraus resultierenden Kontrolle über diese.

A dissimilarities‘ vantage

„Two unlike domains are brought close together; the closer they are, the more stimulating seems their twined presence.“

Richard Sennett

Oberflächenuntersuchungen

Konkretisiert wurde die Technikexploration anhand von Oberflächenuntersuchungen. Material, die Logik und Ästhetik von Mustern und die Beziehung von Muster zu Material wurden investigativ ergebnisoffen erschlossen und finden in einer Experimentreihe Ausdruck.

An zwei- und dreidimensionalen Flächen wurden die Parameter der Kilnforming-Prozesse etabliert und mit zwei konkreten Untersuchungsfaktoren beleuchtet: der Flächenaufbau und die dort stattfindende Aktion.

Beide Untersuchungsfaktoren wurden einzeln evaluiert und in einem weiteren Schritt zusammengeführt.

Wie programmiert man Oberflächen?

Wie ist eine Fläche aufgebaut und untergliedert?           Was passiert an den Schnittpunkten oder dazwischen? Wie wichtig ist der Weißraum?                                           Wie beeinflusst der Grid das Muster?

Zur Visualisierung und als Element der Musteraus-prägung wurde die einfachste geometrische Form gewählt. Sinnliche Erschließung, Wahrnehmung und Wirkung wurde hierbei stets untersucht und im Einzelnen auf ihre Feinheit und Grenzen erprobt.

Wo liegt die Grenze zum nicht mehr Wahrnehmbaren?

Unterschiede in Musterwirkung und -wahrnehmung in Positiv und Negativ wurden eruiert. Wie sich Verständnis und Lesbarkeit ändern, wenn Störfaktoren die Muster-entfaltung bedingen, wurde erforscht. Durch regelmäßi-ge und irreguläre Variation von Grid und Musterausprä-gung wurden Wahrnehmungsgenauigkeit und Entfrem-dung untersucht. Additive Musterzusammensetzung wurde ergründet.

Bewegungen, die undefiniert auf der Oberfläche entstehen, Verbindungen, die das menschliche Gehirn zieht, wurden wahrgenommen und versucht zu parametrisieren. Der Interaktionsrahmen der Visuellen Taktilität wurde erschlossen und achtsam beleuchtet. Die Sinne im Einzelnen auf ihre Wahrnehmung und Resonanz zu überprüfen und ein Übereinstimmen oder Widerspruch mit dem Erwarteten zu erzeugen, war ein Untersuchungsfaktor.

„What we wanted to do was to investigate the material like painters were investigating paint, and not with the thought of making anything … just as the original experimental course in the Bauhaus took all kinds of materials and investigated them.“

Harvey K. Littleton

Nutzungspotentiale

Das Verfahren kann neben Glas auf zahlreiche wei-tere Techniken übertragen und genutzt werden. Ein-satzpotentiale gefundener Materialqualitäten bie-ten sich im Bereich optischer, haptischer und kommu-nizierender Oberflächen: Gefäße, die den Bereich des Greifens oder ihren Inhalt signalisieren, Funktions-oberflächen als Zerstäuber, Reibe oder zum Trennen von flüssig und fest.

Das Anwendungspotential von Glas im Bereich Licht liegt nahe, da die materialinhärenten Eigenschaften eine differenzierte Auseinandersetzung damit ermög-lichen. Verschiedene Stadien von Transparenz und Transluszenz wurden in Techniken des Pâte de Verre vergegenständlicht. Additive Musterentstehung und Visuelle Taktilität wurden im Radius der Transparen-zen mit Glaspuder untersucht.

In Architektur und Innenarchitektur eröffnet sich ein weites Spektrum an Anwendungspotentialen: Inter-aktion von Nutzer und Objekt oder Nutzer und Raum durch optische und taktile Rückmeldung, orientie-rungsgebende Leitsysteme oder adaptiv auf Licht- und Wetterverhältnisse reagierende Oberflächen. Sich unter Einfluss von Licht optisch verändernde Fassa-den, rutschfeste Fliesen für Nassbereiche, mehrfach dimmbare Leuchtmodule, dreidimensionale Raumtei-ler oder Wandpaneele erweitern die Möglichkeiten-kollektion.

Contemporary Pâte de Verre Possibilities

Bis heute ist jedes in Pâte de Verre hergestellte Objekt ein Unikat. Den Mensch aus dem Herstellungsprozess nicht zu eliminieren sondern als wichtigen Partner in der kontemporären Praxis von Pâte de Verre beizube-halten und diese mit technischen Neuerungen und digitalen Einflüssen zu erweitern, stellt einen großen Gewinn dar.

In einer symbiotischen Beziehung von Mensch und Maschine werden in der Industrie 4.0 Routinearbeiten automatisiert und Prozesse rationalisiert, keiner von beiden wird dabei jedoch zum Anhängsel des Anderen.

Eine Mechanisierung und Fertigung in modernen Produktionsstraßen ähnlich der heutigen Porzellan-produktion sind denkbar. In einer programmierten, digital gesteuerten Herstellung können einzelne Para-meter gezielt angesteuert und verändert werden. Dies erlaubt auch Nicht-Designern die Änderung teilweise vordefinierter Konzepte oder Produktkonfiguration aus einer Möglichkeitswolke.

Hierbei die Qualitäten des Craftsman zu bewahren ist eine Aufgabe, deren sich Gestalter stets bewusst sein sollten.

Projekt: Masterarbeit digital handmade

Jahr: 2015 – 2016

Fotos: Virginia Binsch

Zum Projekt: Pâte de Verre

Zitiert aus:

Sennett, Richard (2008): The Craftsman, Penguin Books, London.

Littleton, Harvey K. (1971): Glassblowing, A Search For Form, Van Nostrand Renhold, New York.

Scharf, Armin (2016): Symbiotisch Vernetzt, Rat für Formgebung (Hrsg.), Frankfurt am Main.

Website: virginiabinsch.de 

The Way of Thinking …

„It is not craft as in ‚handicraft‘ that defines contemporary craftsmanship, it is craft as in knowledge that empowers a maker to take charge of technology.“

Peter Dormer 1997, aus Sennett (2008)

Partners in the Act of Thinking and Making

„Glass and kiln-forming function like the vocabulary of a writer or the instrument of the musician: conduits through which ideas are shaped and expressed, partners in the whole act of thinking and making, with each advance in technique adding to the total vocabulary of glass available to the artists worldwide.“

Keith Cummings