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Papierschöpfen

Experimentelles Projekt

Papier gilt als umweltfreundlicher, günstiger Werkstoff, dabei ist es längst zu einem Hightech-Material avan-ciert. Feuerfest, reißfest oder als Schaum findet es Anwendung in Fahrradhelmen, Möbeln und bald in „Instant Homes“, Autotüren, Leichtbauwänden oder Skiern.

Papiere von Hand zu schöpfen ist ein kaum noch praktiziertes altes Handwerk mit Kulturgeschichte. Die japanische Schöpfkunst und Herstellung des Washi Papiers zählt sogar zum Unesco Weltkulturerbe.

Da Papier auf Zellulose beruht, ist die Liste der Roh-stoffe zur Papierherstellung ebenso vielseitig wie seine Gestaltungsmöglichkeiten. Besonders attraktiv ist es, da es auf natürlichen, nachwachsenden Rohstoffen, die lokal abgebaut werden können, basiert. Neben Baumwolle, Flachs und Hanf können auch bereits gebrauchte Materialien zur Papierproduktion ver-wendet werden: Altkleider, Jeans, Leinen und Lumpen. Außergewöhnliche Grundstoffe wie Gemüse, Gräser und Blüten können zur Papierbereitung dienen.

Der nachhaltige Ansatz und die Recyclingfähigkeit waren wichtige Faktoren in diesem Projekt.

Faserstoffe, Mixturen und Matrizen

Im experimentellen Herangehen wurden verschiede-ne Rohstoffe und Mixturen praktisch erforscht. Ma-terialstärken, Schichtung und Potentiale additiver Verbindung wurden erprobt, Materialqualitäten wie Griff, Härte, Gewicht und Transparenz variiert.

Auf der Suche plastikähnliche Eigenschaften in Glanz und wasserabweisenden Qualitäten zu erzielen, wur-den Oberflächenbehandlungen und Beschichtungen auf Basis organischer Stoffe erforscht.

Verschiedene Matrizen und Bindestrukturen wurden als Träger für den Faserstoff erprobt. Ihre Geometrien waren Grundlage weiterer Formbarkeit und Plastizität. Mit ihnen wurde eine neue Dreidimensionalität er-schlossen, die neue Möglichkeiten in Körperlichkeit, Modellierbarkeit und Stabilität eröffnete.

Die Vielfalt von Papier in Eigenschaften, Ausgangs-material und Anwendungsbereichen zu entblättern war in diesem Projekt zentral.

Technik der Papierherstellung

Wir kennen Papier als zweidimensionale, gebleichte Blätter, akkurat, charakterlos.

Doch es ist nicht nur Träger von Informationen, sondern transportiert selbst viel: Materialursprung, Handwerksgeschichte, Haptik, Optik, Klang. Informa-tionen können auf und in das Material eingebracht werden.

Dazu wird das Ausgangsmaterial grob zerkleinert, mit Wasser verdünnt und in einer speziellen Maschine, dem Holländer, erweicht und mit einer Walze zer-kleinert. Die Dauer dieses Prozesses bestimmt die Faserlänge eines Papiergemenges. In einer Wanne, der Bütte, wird die Masse noch einmal durchmischt, dann kann geschöpft werden. 

Der Schöpfprozess findet mit einem Siebrahmen aus geripptem oder umgeripptem Geflecht verschiedener Feinheiten statt. Die Beschaffenheit der Schöpfform bestimmt Charakter und Oberfläche der Papiere. Während das Wasser durch die Maschen abläuft, verbleiben die Fasern auf dem siebähnlichen Metall-geflecht. Nach einer kurzen Trockenzeit lässt sich das Papier vorsichtig abnehmen. Der noch feuchte Papier-bogen wird zwischen Wollfilzbögen gelegt und „abgegautscht“, wobei das Wasser bestenfalls mit einer Hydraulikpresse herausgepresst wird. Letztlich trocknet das Papier an der Luft aus.

Jeder Ausgangsstoff stellt das Grundgerüst der Mög-lichkeiten des fertigen Papiers wie Faserzusammen-setzung, -länge, Farbe und Gewicht. Durch die Zugabe von Füllstoffe, Pigmenten, Beschichtungen, Druck- und Veredlungsmöglichkeiten sind verschiedenste Quali-täten, Oberflächen und Ansprüche zu erreichen.

Zu Beginn des experimentellen Projekts wurden in einem Workshop Grundlagen zu Materialkunde und Faserstoffen bei Deutschlands einzigem Papiermacher Gangolf Ulbricht erlernt.

Projekt: Papierschöpfen

Fotos: Virginia Binsch

Zitiert aus: Tagesspiegel

Website: virginiabinsch.de 

„Die Arbeit ist extrem befriedigend. Aus Fasern und Wasser wird plötzlich Papier.“

Gangolf Ulbricht, Papiermacher